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Gedenkstättenfahrt nach Stutthof – Danzig, Pommern und die Geschichte der deutschen Besatzung

Eine Gedenkstättenfahrt nach Stutthof sollte nicht erst am Tor des ehemaligen Konzentrationslagers beginnen. Um die Entstehung und Funktion des Lagers wirklich zu verstehen, muss zunächst die besondere Geschichte Danzigs und Pommerns vor und unmittelbar nach dem 1. September 1939 betrachtet werden. Die Freie Stadt Danzig, das Zusammenleben und die Konflikte zwischen Deutschen und Polen, der Angriff auf die Westerplatte und das Polnische Postamt sowie die ersten Verhaftungsaktionen bilden den historischen Rahmen, in dem das Lager Stutthof entstand.

Stutthof wurde bereits am 2. September 1939 mit den ersten Gefangenen belegt. Zu ihnen gehörten vor allem Polen aus Danzig und Pommern, die von den deutschen Sicherheitsorganen bereits vor Kriegsbeginn als politische oder gesellschaftliche Gegner registriert worden waren. Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte sich das zunächst regional ausgerichtete Lager zu einem Bestandteil des deutschen Konzentrationslagersystems. Insgesamt wurden dort rund 110.000 Menschen aus zahlreichen europäischen Ländern inhaftiert; etwa 65.000 von ihnen kamen infolge von Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, Misshandlungen, Hinrichtungen, Vergasungen und Evakuationen ums Leben.

Eine historisch fundierte Reise sollte Stutthof deshalb mit Danzig und weiteren Erinnerungsorten in Pommern verbinden. Besonders wichtig sind Westerplatte, das ehemalige Polnische Postamt, das Museum des Zweiten Weltkriegs sowie die Erinnerungsorte der deutschen Massenverbrechen von 1939, insbesondere das Piaśnica-Museum in Wejherowo und die Massengräber in den Wäldern von Piaśnica. Eine geeignete Grundlage bietet unsere Studien- und Klassenfahrt nach Danzig, Stutthof und Piaśnica.

Gedenkstätte KL Stutthof mit historischem Wachturm und Lagerbaracken

Schnellüberblick: Die wichtigsten Themen einer Gedenkstättenfahrt nach Stutthof

 

1. Die Freie Stadt Danzig – Deutsche und Polen vor dem Zweiten Weltkrieg

Die Geschichte von Stutthof ist eng mit der besonderen politischen Situation Danzigs nach dem Ersten Weltkrieg verbunden. Aufgrund des Versailler Vertrags wurde Danzig nicht Teil des Deutschen Reiches und auch nicht Bestandteil des wiedererrichteten polnischen Staates. 1920 entstand die Freie Stadt Danzig unter dem Schutz des Völkerbundes.

Danzig besaß eine eigene Verfassung, ein eigenes Parlament und eine eigene Währung. Gleichzeitig erhielt Polen besondere Rechte, die unter anderem den Hafen, die Eisenbahn, den Außenhandel und bestimmte Einrichtungen in der Stadt betrafen.

Die Bevölkerung der Freien Stadt war mehrheitlich deutsch. Die genaue Größe der polnischen Minderheit lässt sich nicht eindeutig bestimmen; je nach Berechnung wird ihr Anteil auf ungefähr zehn Prozent geschätzt. Polnische Familien, Beamte, Eisenbahner, Hafenarbeiter, Lehrer, Geistliche und Mitarbeiter der Polnischen Post bildeten jedoch einen wichtigen Bestandteil der Stadtgesellschaft.

Die polnische Minderheit verfügte über eigene Organisationen, Schulen, Vereine und kulturelle Einrichtungen. Zu den zentralen Orten gehörten das Polnische Postamt und Einrichtungen der polnischen Eisenbahn. Auf der Westerplatte befand sich das polnische Munitionsdepot mit einer militärischen Besatzung.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich gewann auch die NSDAP in Danzig zunehmend an Einfluss. Seit 1933 beherrschten die Nationalsozialisten das politische Leben der Freien Stadt immer stärker. Demokratische Strukturen wurden abgebaut, politische Gegner verfolgt und der Druck auf Polen und Juden nahm kontinuierlich zu.

Für eine Gedenkstättenfahrt ist dieser Hintergrund besonders wichtig. Die Verhaftungen vom September 1939 waren nicht spontan. Bereits vor Kriegsbeginn waren zahlreiche polnische Aktivisten, Funktionäre, Lehrer, Geistliche und Mitarbeiter polnischer Institutionen von deutschen Sicherheitsorganen registriert worden.

Als Deutschland Polen am 1. September 1939 angriff, wurden in Danzig innerhalb weniger Stunden zahlreiche Polen festgenommen. Einen Tag später traf der erste Gefangenentransport im neu errichteten Lager Stutthof ein.

Die Geschichte der Freien Stadt zeigt deshalb besonders deutlich, wie politische Radikalisierung, Nationalismus, Diskriminierung und vorbereitete staatliche Repression unmittelbar in offene Gewalt übergehen konnten.

Historischer Blick auf Danzig vor dem Zweiten Weltkrieg

2. Die Entstehung und Entwicklung des Konzentrationslagers Stutthof

Stutthof entstand nicht erst einige Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Bereits am 2. September 1939 wurde der erste Gefangenentransport auf das Gelände bei Stutthof, dem heutigen Sztutowo, gebracht.

Die ersten Häftlinge waren vor allem Polen aus dem Gebiet der Freien Stadt Danzig und aus Pommern. Unter ihnen befanden sich gesellschaftliche Aktivisten, Lehrer, Geistliche, Beamte, Mitglieder polnischer Organisationen und Personen, die von den Nationalsozialisten als Gegner der deutschen Herrschaft betrachtet wurden.

Damit war Stutthof zunächst eng mit der deutschen Verfolgung der polnischen Führungs- und Intelligenzschichten in Danzig und Pommern verbunden. Das Lager war anfangs noch kein Konzentrationslager im formalen Sinne des reichsweiten SS-Systems. Seine organisatorische Stellung veränderte sich in den ersten Kriegsjahren mehrfach.

Im Januar 1942 erhielt Stutthof offiziell den Status eines staatlichen Konzentrationslagers und wurde in das zentrale Konzentrationslagersystem der SS aufgenommen. Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich auch die Zusammensetzung der Gefangenen deutlich.

Menschen aus immer mehr Ländern und Regionen Europas wurden nach Stutthof deportiert. Insgesamt waren dort Häftlinge aus 28 Staaten und mehr als 40 Nationalitäten inhaftiert.

Das Lager wurde gleichzeitig immer weiter ausgebaut. Neben dem sogenannten Alten Lager entstand ein wesentlich größeres Neues Lager. Darüber hinaus entwickelte sich ein weit verzweigtes System von Außenlagern, in denen Gefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Ab 1944 veränderte sich die Funktion des Lagers erneut. Im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden etwa 49.000 Juden nach Stutthof deportiert. Viele von ihnen kamen aus den baltischen Staaten, Polen, Ungarn und weiteren von Deutschland besetzten Gebieten.

Stutthof wurde damit zu einem Ort, an dem Konzentrationslagerhaft, Zwangsarbeit und systematische Vernichtung miteinander verbunden waren.

Bis zum Kriegsende wurden insgesamt etwa 110.000 Menschen nach Stutthof und in seine Außenlager deportiert. Nach den heutigen Forschungen des Museums kamen etwa 65.000 Menschen ums Leben.

3. Gefangene, Lageralltag, Zwangsarbeit und Massenmord

Eine Führung durch die Gedenkstätte sollte nicht nur die Entwicklung des Lagers erklären, sondern vor allem die Lebensbedingungen der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Hinter den großen Zahlen stehen individuelle Biografien von Männern, Frauen und Kindern.

Neuankommende Häftlinge verloren ihre persönliche Freiheit und weitgehend ihre bisherige Identität. Registrierung, Abgabe persönlicher Gegenstände, Häftlingskleidung, Nummern und die Einordnung in die Lagerhierarchie gehörten zu einem System, das Menschen bewusst entindividualisieren sollte.

Der Alltag bestand aus Hunger, Krankheiten, unzureichender Kleidung, Gewalt und schwerer körperlicher Arbeit. Die Häftlinge wurden sowohl innerhalb des Lagers als auch in zahlreichen Betrieben und Außenlagern zur Arbeit gezwungen.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die unterschiedlichen Häftlingsgruppen. Herkunft, Nationalität, Geschlecht, Zeitpunkt der Einlieferung und die von der SS zugewiesene Kategorie konnten die Überlebenschancen erheblich beeinflussen.

Ab 1944 wurden besonders viele jüdische Häftlinge nach Stutthof gebracht. Die Bedingungen im Lager verschärften sich durch die zunehmende Überbelegung weiter.

Auf dem Gelände befand sich eine Gaskammer. Menschen wurden außerdem durch Erschießungen, tödliche Injektionen, Misshandlungen und bewusst herbeigeführte katastrophale Lebensbedingungen ermordet. Hunger und Epidemien forderten Tausende weitere Opfer.

Zu den erschütterndsten Kapiteln gehören die Evakuierungen am Ende des Krieges. Im Januar 1945 begann die sogenannte Todesmarsch-Evakuierung. Rund 33.000 Häftlinge aus dem Stammlager und den Außenlagern wurden auf verschiedene Routen geschickt.

Nach Angaben des Museums kamen infolge der Evakuierungen, von Hunger, Kälte, Krankheiten, Erschöpfung und Morden etwa 17.000 bis 18.000 Häftlinge ums Leben.

Stutthof wurde erst am 9. Mai 1945 von sowjetischen Truppen erreicht. Damit gehörte es zu den am längsten bestehenden deutschen Konzentrationslagern auf dem Gebiet des heutigen Polen.

Bei einer Gedenkstättenfahrt sollten diese Ereignisse möglichst über persönliche Lebensgeschichten vermittelt werden. Tagebücher, Briefe, Erinnerungen, Fotografien und Gegenstände ehemaliger Häftlinge helfen, das Lager nicht nur als System, sondern als Erfahrung konkreter Menschen zu verstehen.

4. Führungen, Ausstellungen und thematische Workshops im Museum Stutthof

Eine klassische Führung durch das ehemalige Lager ist die Grundlage des Besuchs, muss aber nicht der einzige Programmpunkt bleiben. Das Museum Stutthof verfügt über ein umfangreiches Bildungsangebot, das sich besonders für Schulklassen, Studierende, Lehrkräfte und Gruppen der politischen Bildung eignet.

Die erhaltene historische Infrastruktur spielt dabei eine zentrale Rolle. Auf dem Gelände befinden sich unter anderem Teile des Alten Lagers, historische Baracken, Wachtürme, Stacheldraht, das Krematorium und die Gaskammer. Ausstellungen ergänzen diese authentischen Orte durch Dokumente, Fotografien und Gegenstände.

Die Führung kann in einer Standard- oder erweiterten Variante gebucht werden. Für Gruppen, die sich intensiv mit der Geschichte beschäftigen möchten, ist die erweiterte Führung in der Regel sinnvoller, weil dadurch mehr Zeit für einzelne Biografien, Fragen und historische Zusammenhänge bleibt.

Noch tiefer gehen die museumspädagogischen Angebote. Das Museum bietet sowohl Museumsunterricht als auch thematische Workshops an. Die Veranstaltungen werden von Museumspädagoginnen und Museumspädagogen geleitet und basieren auf Originalquellen, Gegenständen sowie Berichten ehemaliger Gefangener.

Ein Museumsunterricht dauert ungefähr 60 Minuten. Workshops sind mit etwa 120 bis 180 Minuten deutlich umfangreicher. Sie eignen sich besonders für Gruppen, die nicht nur Informationen aufnehmen, sondern selbst mit Quellen und Biografien arbeiten sollen.

Ein Beispiel ist die Beschäftigung mit dem „Weg des Häftlings“. Dabei geht es nicht nur um den organisatorischen Ablauf der Einlieferung, sondern um Fragen wie: Warum konnte ein Mensch nach Stutthof kommen? Wie veränderte die Haft seine Identität? Welche Strategien halfen beim Überleben? Welche Bedeutung hatten Freundschaft, Solidarität, Hoffnung oder moralische Entscheidungen unter extremen Bedingungen?

Die Bildungsangebote des Museums richten sich aufgrund des Charakters des Ortes vor allem an Jugendliche ab 14 Jahren. Workshops und Unterricht können auch in deutscher Sprache durchgeführt werden.

Für eine anspruchsvolle Gedenkstättenfahrt empfehlen wir, nicht nur eine Führung zu buchen, sondern nach Möglichkeit einen zusätzlichen Workshop einzuplanen. Dadurch wird aus einer klassischen Besichtigung ein aktiver Bildungsprozess.

Historisches Gelände des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Stutthof

5. Praktische Informationen: Anfahrt, Besuchsdauer und Organisation

Die Gedenkstätte liegt in Sztutowo auf der Frischen Nehrung, rund 50 Kilometer östlich von Danzig. Für organisierte Gruppen ist die Anfahrt mit einem eigenen Reisebus oder einem vorab bestellten Transfer die bequemste Lösung.

Je nach Verkehr sollte für die Fahrt von Danzig ungefähr eine Stunde eingeplant werden. Besonders in der Sommersaison kann die Fahrt auf die Frische Nehrung wegen des touristischen Verkehrs länger dauern.

Die Öffnungszeiten des Museums unterscheiden sich zwischen Sommer- und Wintersaison. Deshalb sollte die aktuelle Besuchszeit immer kurz vor der Reise noch einmal geprüft werden.

Der Eintritt auf das Museumsgelände ist derzeit kostenlos. Die Begleitung durch einen Museumsführer sowie Workshops und weitere Bildungsangebote sind jedoch kostenpflichtige Leistungen und müssen vorher reserviert werden.

Für eine Standardführung sollte mit bis zu etwa 1,5 Stunden gerechnet werden. Eine erweiterte Führung dauert bis zu zwei Stunden. Für einen individuellen Besuch gibt das Museum ebenfalls ungefähr zwei Stunden als Orientierung an.

Wenn eine Führung mit einem Workshop oder Museumsunterricht verbunden wird, sollte deutlich mehr Zeit eingeplant werden. Das Museum weist für Bildungsaktivitäten auf einen Zeitbedarf von ungefähr drei Stunden hin.

Bei Schulgruppen empfehlen wir deshalb, Stutthof nicht als kurzen Zwischenstopp von 60 Minuten zu behandeln. Ein sinnvoller Besuch einschließlich Anfahrt, Führung, Pause und möglichem Bildungsprogramm beansprucht schnell einen halben oder sogar einen ganzen Programmtag.

Organisierte Besuchergruppen sollten nach den Vorgaben des Museums in der Regel nicht mehr als 25 Personen pro Führungsgruppe umfassen. Größere Schulklassen oder Reisegruppen müssen entsprechend aufgeteilt werden.

Das ist insbesondere wegen der historischen Baracken wichtig. Viele Ausstellungsräume sind klein und können von sehr großen Gruppen nicht sinnvoll gleichzeitig genutzt werden.

Wir empfehlen außerdem, mindestens 15 Minuten vor dem vereinbarten Termin am Besucherzentrum einzutreffen. Der Charakter des Ortes verlangt angemessene Kleidung und respektvolles Verhalten. Großes Gepäck sollte nicht mitgebracht werden, da das Museum keine klassische Gepäckaufbewahrung anbietet.

Gerade bei Schulklassen lohnt sich eine kurze Vorbereitung bereits am Vorabend in Danzig. Wenn die Jugendlichen wissen, welchen Ort sie besuchen, welche Regeln gelten und auf welche Fragen sie achten sollen, verläuft die Besichtigung wesentlich konzentrierter.

6. Zeitzeugen, Familien ehemaliger Häftlinge und persönliche Erinnerungen

Begegnungen mit Menschen, die einen persönlichen Bezug zur Geschichte von Stutthof besitzen, gehören zu den eindrucksvollsten möglichen Bestandteilen einer Gedenkstättenfahrt. Gleichzeitig verändert sich dieser Bereich grundlegend: Die Generation der unmittelbaren Zeitzeugen wird immer kleiner.

Noch vor wenigen Jahren konnten ehemalige Häftlinge regelmäßig selbst von ihrer Haft berichten. Heute sind solche persönlichen Begegnungen nur noch in Ausnahmefällen möglich. Das Museum weist selbst darauf hin, dass die unmittelbaren Zeuginnen und Zeugen der Ereignisse nach und nach von uns gehen.

Umso wichtiger werden die nächsten Generationen. Kinder und Enkel ehemaliger Gefangener bewahren Briefe, Fotografien, Erinnerungen und Familiengeschichten. Eine Begegnung mit Angehörigen ehemaliger Häftlinge kann deshalb eine besonders wertvolle Ergänzung der Reise darstellen.

Solche Gespräche müssen allerdings langfristig und individuell organisiert werden und können nicht als jederzeit verfügbarer Standardbaustein garantiert werden. Die Verfügbarkeit einer geeigneten Person hängt vom Reisetermin, der Gruppe und den jeweiligen Kontakten ab.

Auch wenn kein persönliches Treffen möglich ist, kann mit historischen Zeugenaussagen gearbeitet werden. Das Museum begann bereits in den 1960er Jahren systematisch, Erinnerungen ehemaliger Häftlinge aufzuzeichnen. Die Sammlung umfasst umfangreiche schriftliche und audiovisuelle Zeugnisse.

Gerade für junge Menschen sind einzelne Lebensgeschichten oft zugänglicher als abstrakte Statistiken. Der Bericht eines Jugendlichen, eines Kindes, einer Mutter oder eines polnischen Lehrers macht deutlich, wie unterschiedlich Menschen das Lager erlebten.

Auch die Arbeit mit Familienbiografien kann bereits vor der Reise beginnen. Eine Klasse kann beispielsweise eine Person recherchieren, die nach Stutthof deportiert wurde, und deren Lebensweg anschließend mit den konkreten Orten auf dem Lagergelände verbinden.

Damit verändert sich die Perspektive: Das Lager wird nicht mehr ausschließlich als historische Institution betrachtet. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Leben durch Verfolgung, Haft und Gewalt zerstört oder dauerhaft verändert wurde.

7. Das Pommersche Verbrechen 1939 und die Massenmorde in Piaśnica

Eine Gedenkstättenfahrt nach Stutthof sollte nach unserer Einschätzung auch das sogenannte Pommersche Verbrechen von 1939 thematisieren. Es gehört zu den größten, außerhalb Polens jedoch vergleichsweise wenig bekannten deutschen Massenverbrechen aus den ersten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

Nach dem deutschen Angriff auf Polen begannen auf dem Gebiet Pommerns systematische Verhaftungen und Massenerschießungen. Besonders betroffen waren Menschen, die von den Besatzern als Träger der polnischen Gesellschaft und als mögliche Gegner der Germanisierung betrachtet wurden.

Zu den Opfern gehörten Lehrer, Geistliche, Beamte, Ärzte, Kaufleute, Unternehmer, Mitglieder politischer Parteien, gesellschaftliche Aktivisten und Vertreter polnischer Organisationen. Ermordet wurden aber auch Arbeiter, Bauern, Juden sowie Patientinnen und Patienten psychiatrischer Einrichtungen.

Die Massenmorde standen unter anderem im Zusammenhang mit der Operation Tannenberg und der sogenannten Intelligenzaktion. In Pommern erreichte die Gewalt eine besonders große Dimension.

Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute Gegenstand historischer Forschung. Auf Grundlage von Exhumierungen und namentlichen Listen konnten ungefähr 16.000 Opfer sicherer dokumentiert werden. Der IPN weist darauf hin, dass dies lediglich eine Mindestzahl darstellt. In der Forschung reichen die Schätzungen für das Pommersche Verbrechen insgesamt ungefähr von 20.000 bis 40.000 Ermordeten.

Auch die Täterstruktur ist für das Verständnis besonders wichtig. An den Morden waren deutsche SS- und Polizeieinheiten sowie Einsatzkommandos beteiligt. Eine außergewöhnlich bedeutende Rolle spielte der Volksdeutsche Selbstschutz Westpreussen.

Dieser Selbstschutz bestand aus Angehörigen der deutschen Minderheit, die vor dem Krieg polnische Staatsbürger gewesen waren. Unter Kontrolle der SS beteiligten sich Einheiten des Selbstschutzes an Verhaftungen und Erschießungen. Ihre lokalen Kenntnisse erleichterten die Auswahl und Identifizierung von Opfern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die deutsche Bevölkerung Pommerns pauschal als Tätergruppe betrachtet werden darf. Gerade eine historisch seriöse Bildungsreise muss zwischen Institutionen, konkreten Organisationen, einzelnen Tätern, Mitläufern und unterschiedlichen Verhaltensweisen innerhalb der Bevölkerung unterscheiden.

Einer der wichtigsten Orte dieser Verbrechen sind die Wälder von Piaśnica bei Wejherowo. Dort wurden seit Herbst 1939 Menschen in vorbereiteten Gruben erschossen.

Zur Zahl der Opfer von Piaśnica existieren unterschiedliche Angaben. Lange wurde allgemein eine Zahl von 12.000 bis 14.000 Ermordeten genannt. Aktuelle Forschungen weisen jedoch darauf hin, dass diese Zahl wissenschaftlich nicht abschließend gesichert ist.

Im Rahmen der laufenden Ermittlungen konnten bislang ungefähr 1.200 polnische Opfer aus Pommern sowie etwa 1.300 aus dem Deutschen Reich deportierte Opfer namentlich identifiziert werden, darunter zahlreiche Patientinnen und Patienten psychiatrischer Einrichtungen. Die Forschung und die Ermittlungen zur tatsächlichen Gesamtzahl dauern weiterhin an.

Gerade deshalb empfehlen wir den Besuch des Piaśnica-Museums in Wejherowo vor der Fahrt zu den Massengräbern. Die Ausstellung vermittelt nicht nur Zahlen, sondern stellt Biografien von Opfern, die Organisation der Morde sowie die Täter in den Mittelpunkt.

Erst anschließend sollte die Fahrt in die Piaśnica-Wälder erfolgen. Die einzelnen Gedenkstätten und Massengräber liegen in einer Waldlandschaft, die ohne historische Einführung nur schwer zu verstehen ist.

8. Westerplatte, Polnisches Postamt, Museum des Zweiten Weltkriegs und weitere Erinnerungsorte

Stutthof sollte nicht isoliert besucht werden. Besonders gut lässt sich die Gedenkstätte in ein mehrtägiges Programm einbinden, das die Entwicklung vom politischen Konflikt in der Freien Stadt Danzig über den deutschen Angriff bis zu Besatzung, Terror und Massenmord nachvollziehbar macht.

Der erste zentrale Ort ist die Westerplatte. Am 1. September 1939 beschoss das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ das polnische Munitionsdepot. Die polnische Besatzung verteidigte sich mehrere Tage gegen deutlich überlegene deutsche Kräfte.

Westerplatte wurde dadurch zu einem der wichtigsten Symbole des polnischen Widerstands im September 1939. Die erhaltenen Wachhäuser, Ruinen und Denkmäler ermöglichen eine anschauliche Auseinandersetzung mit den ersten Kriegstagen.

Ruinen auf der Westerplatte in Danzig

Fast gleichzeitig mit dem Angriff auf die Westerplatte wurde das Polnische Postamt im Zentrum Danzigs angegriffen. Die Mitarbeiter des Postamts verteidigten das Gebäude gegen deutsche Polizei-, SS- und paramilitärische Einheiten.

Nach der Kapitulation wurden die Verteidiger gefangen genommen. Ein deutsches Gericht verurteilte einen großen Teil von ihnen zum Tode; die Urteile wurden wenige Wochen später vollstreckt. Das Postamt ist deshalb nicht nur ein Ort des militärischen Widerstands, sondern auch ein Beispiel für die nationalsozialistische Justiz und die Verfolgung der polnischen Bevölkerung der Freien Stadt.

Ein weiterer zentraler Programmpunkt ist das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Seine umfangreiche Ausstellung ordnet die lokale Geschichte in den internationalen Kontext ein. Krieg, Besatzung, Holocaust, Widerstand, Vertreibung und das Schicksal der Zivilbevölkerung werden aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt.

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig

Für Gruppen, die sich besonders mit dem Pommerschen Verbrechen beschäftigen möchten, sollte das Piaśnica-Museum in Wejherowo ergänzt werden. Die Ausstellung befindet sich in einem historischen Gebäude, das mit der deutschen Besatzungsgeschichte der Region verbunden ist.

Anschließend führt die Route zu den Erinnerungsorten in den Piaśnica-Wäldern. Die Verbindung von Museum und authentischem Tatort ist besonders wichtig, weil die Waldlandschaft allein nur wenige Informationen über Ablauf und Dimension der Massenmorde vermittelt.

Auf diese Weise entsteht eine historische Linie: Freie Stadt Danzig – Westerplatte und Polnisches Postamt – deutsche Besatzung – Stutthof – Pommersches Verbrechen – Piaśnica.

Genau diese Verbindung macht aus einem einzelnen Museumsbesuch eine umfassende Gedenkstätten- und Bildungsreise.

Wie kann eine Gedenkstättenfahrt nach Stutthof sinnvoll aufgebaut werden?

1. Tag: Danzig und die Geschichte der Freien Stadt

Nach der Anreise beginnt das Programm mit einer historischen Führung durch Danzig. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Architektur der Rechtstadt, sondern die politische und gesellschaftliche Situation der Freien Stadt zwischen 1920 und 1939.

Besonders wichtig sind dabei die Beziehungen zwischen der deutschen Bevölkerungsmehrheit und der polnischen Minderheit, die Entwicklung der nationalsozialistischen Bewegung und die zunehmende politische Radikalisierung in den 1930er Jahren.

2. Tag: Westerplatte, Polnisches Postamt und Museum des Zweiten Weltkriegs

Am Vormittag folgt der Besuch der Westerplatte. Die Geschichte der Verteidiger wird in den größeren Zusammenhang des deutschen Angriffs auf Polen eingeordnet.

Danach sollte das historische Gebäude des Polnischen Postamtes besucht werden. Am Nachmittag bietet sich das Museum des Zweiten Weltkriegs an.

Dieser Tag erklärt, wie aus den politischen Spannungen der Vorkriegszeit innerhalb weniger Stunden Krieg, Verhaftung und organisierte Verfolgung wurden.

3. Tag: Gedenkstätte Stutthof

Der dritte Tag sollte im Wesentlichen der Gedenkstätte Stutthof gewidmet sein. Nach der Fahrt von Danzig folgt eine ausführliche Führung durch das historische Lagergelände.

Bei Schul- und Bildungsgruppen empfehlen wir anschließend einen thematischen Workshop. Dadurch können Quellen, Biografien und einzelne Fragestellungen wesentlich intensiver bearbeitet werden.

Wenn ein Treffen mit Angehörigen ehemaliger Häftlinge oder einem anderen Träger der Erinnerung organisiert werden kann, sollte dafür ein eigener Zeitblock vorgesehen werden. Solche Begegnungen sollten nicht zwischen zwei Besichtigungen eingeschoben werden.

4. Tag: Wejherowo und Piaśnica

Der folgende Tag widmet sich dem Pommerschen Verbrechen von 1939. Zunächst empfiehlt sich der Besuch des Piaśnica-Museums in Wejherowo.

Erst nach dieser Einführung erfolgt die Fahrt zu den Massengräbern und Gedenkorten in den Wäldern von Piaśnica. Dadurch können die Teilnehmer die Landschaft und die einzelnen Erinnerungsorte historisch einordnen.

5. Tag: Nachbereitung in Danzig

Bei einer längeren Reise sollte ein letzter Programmtag nicht mit einem weiteren schweren Erinnerungsort gefüllt werden. Sinnvoller ist eine gemeinsame Nachbereitung der vergangenen Tage.

Je nach Zielgruppe können Gespräche mit einem Historiker, Quellenarbeit oder ein gemeinsamer Stadtrundgang genutzt werden, um die Geschichte der Region bis in die Nachkriegszeit weiterzuführen.

Auch die spätere Geschichte Danzigs mit den Arbeiterprotesten von 1970 und der Entstehung der Solidarność-Bewegung bietet sich als bewusster Abschluss an. Dadurch endet die Reise nicht ausschließlich mit Verfolgung und Mord, sondern führt zu Fragen von Freiheit, Zivilgesellschaft und politischer Verantwortung.

Welche Lernziele lassen sich mit einer Stutthof-Reise verbinden?

Eine Gedenkstättenfahrt nach Stutthof ermöglicht weit mehr als die Vermittlung der Geschichte eines einzelnen Konzentrationslagers.

Die Teilnehmer erkennen zunächst, dass nationalsozialistische Verfolgung nicht erst mit der Einlieferung in ein Lager begann. Politische Radikalisierung, Minderheitenfeindlichkeit, vorbereitete Listen, Verhaftungen und die Ausschaltung gesellschaftlicher Eliten gingen der Lagerhaft voraus.

Die Geschichte der Freien Stadt Danzig zeigt zugleich, wie komplex deutsch-polnische Beziehungen in einer multinationalen Grenzregion waren und wie nationalsozialistische Politik bestehende Konflikte radikalisierte.

Stutthof selbst vermittelt die Funktionsweise eines Konzentrationslagers: Entrechtung, Entindividualisierung, Zwangsarbeit, Lagerhierarchie, Terror und unterschiedliche Formen des Mordens.

Die Beschäftigung mit der Zbrodnia Pomorska beziehungsweise dem Pommerschen Verbrechen erweitert den Blick über die Lagergeschichte hinaus. Sie zeigt, dass Massenmord bereits in den ersten Wochen der deutschen Besatzung stattfand und dass die Vernichtung lokaler gesellschaftlicher Eliten systematisch vorbereitet worden war.

Besonders wichtig ist schließlich die Frage nach den Tätern. SS, Polizei, Einsatzgruppen und Mitglieder des Volksdeutschen Selbstschutzes zeigen, dass staatliche Institutionen, ideologisch motivierte Organisationen und lokale Akteure miteinander zusammenwirkten.

Die Arbeit mit persönlichen Biografien verhindert dabei eine Reduzierung auf Zahlen. Die Opfer werden als Menschen mit Familien, Berufen, Interessen und Lebensplänen sichtbar.

Fazit

Eine Gedenkstättenfahrt nach Stutthof gewinnt ihre eigentliche historische Tiefe erst durch die Verbindung mit Danzig und Pommern. Die Geschichte des Lagers begann nicht isoliert hinter Stacheldraht, sondern war eng mit der politischen Entwicklung der Freien Stadt Danzig, der Verfolgung der polnischen Minderheit und der nationalsozialistischen Besatzungspolitik verbunden.

Westerplatte und das Polnische Postamt zeigen den Beginn des Krieges. Stutthof macht die Entwicklung von regionaler Repression zu einem internationalen Konzentrationslager sichtbar. Das Piaśnica-Museum und die Massengräber in den Wäldern erinnern an das Pommersche Verbrechen und die systematische Ermordung polnischer und kaschubischer Eliten sowie weiterer Opfergruppen bereits im Herbst 1939.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs ordnet diese lokalen Ereignisse in die europäische und globale Geschichte des Krieges ein. Workshops in Stutthof und – soweit organisatorisch möglich – Begegnungen mit Familien ehemaliger Gefangener schaffen zusätzlich eine persönliche Ebene.

Gerade diese Kombination macht die Reise besonders wertvoll. Sie vermittelt nicht nur, was geschah, sondern fragt nach Ursachen, Strukturen, Tätern, Opfern und Handlungsspielräumen. Eine verantwortungsvoll geplante Gedenkstättenfahrt verbindet historische Präzision mit persönlicher Erinnerung und schafft Raum für die Frage, welche Bedeutung diese Geschichte für die Gegenwart besitzt.

 

 

Häufige Fragen zur Gedenkstättenfahrt nach Stutthof

Wie weit liegt die Gedenkstätte Stutthof von Danzig entfernt?

Die Gedenkstätte befindet sich in Sztutowo, rund 50 Kilometer östlich von Danzig. Mit einem Reisebus sollte je nach Verkehr ungefähr eine Stunde Fahrtzeit eingeplant werden.

Wie lange dauert eine Führung durch die Gedenkstätte Stutthof?

Eine Standardführung dauert bis zu etwa 1,5 Stunden, eine erweiterte Führung bis zu zwei Stunden. Für Schul- und Bildungsgruppen ist die längere Variante häufig sinnvoller. Bei zusätzlichen Workshops sollte insgesamt mindestens ein halber Tag eingeplant werden.

Gibt es deutschsprachige Führungen in Stutthof?

Ja. Das Museum bietet deutschsprachige Führungen an. Auch ausgewählte museumspädagogische Veranstaltungen und Workshops können in deutscher Sprache durchgeführt werden. Eine vorherige Reservierung ist erforderlich.

Welche Workshops bietet das Museum Stutthof für Schulgruppen an?

Das Museum bietet Museumsunterricht sowie mehrstündige Workshops an, bei denen mit historischen Quellen, Gegenständen und Lebensgeschichten ehemaliger Häftlinge gearbeitet wird. Die Bildungsangebote richten sich aufgrund des Charakters des Ortes vor allem an Jugendliche ab 14 Jahren.

Kann man bei einer Gedenkstättenfahrt ehemalige Häftlinge oder ihre Familien treffen?

Direkte Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen sind aufgrund des hohen Alters der letzten Zeitzeugen heute nur noch in Ausnahmefällen möglich. Treffen mit Angehörigen ehemaliger Gefangener oder anderen Trägern der Erinnerung können eine wertvolle Ergänzung darstellen, müssen jedoch individuell und abhängig von der Verfügbarkeit organisiert werden.

Wie viele Menschen waren im KL Stutthof inhaftiert?

Nach den heutigen Forschungen wurden rund 110.000 Menschen aus 28 Staaten und mehr als 40 Nationalitäten in Stutthof und seinen Außenlagern inhaftiert. Etwa 65.000 Menschen kamen ums Leben.

Was war das Pommersche Verbrechen von 1939?

Als Pommersches Verbrechen werden die deutschen Massenmorde an der Bevölkerung Pommerns vor allem im Herbst 1939 bezeichnet. Die Opfer waren insbesondere Vertreter der polnischen und kaschubischen Eliten, aber auch weitere Bevölkerungsgruppen. Nach aktuellem Forschungsstand sind ungefähr 16.000 Opfer konkret dokumentiert; die Gesamtzahl wird je nach Untersuchung auf etwa 20.000 bis 40.000 Menschen geschätzt.

Wer waren die Täter des Pommerschen Verbrechens?

An den Verbrechen waren deutsche SS- und Polizeieinheiten, Einsatzkommandos sowie der Volksdeutsche Selbstschutz beteiligt. Der Selbstschutz bestand aus Mitgliedern der deutschen Minderheit, die das Gebiet und viele der späteren Opfer persönlich kannten. Er handelte unter Leitung und Kontrolle der SS.

Wie viele Menschen wurden in Piaśnica ermordet?

Die genaue Opferzahl ist bis heute Gegenstand der Forschung. Die lange verbreitete Schätzung von 12.000 bis 14.000 Opfern wird inzwischen wissenschaftlich differenzierter betrachtet. Im Rahmen der laufenden Ermittlungen wurden unter anderem rund 1.200 polnische Opfer aus Pommern sowie etwa 1.300 aus dem Deutschen Reich deportierte Opfer namentlich ermittelt. Eine abschließende Gesamtzahl liegt derzeit nicht vor.

Welche weiteren Orte sollte man mit Stutthof verbinden?

Besonders sinnvoll sind Westerplatte, das historische Polnische Postamt, das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig sowie das Piaśnica-Museum in Wejherowo und die Erinnerungsorte in den Piaśnica-Wäldern. Zusammen vermitteln diese Orte die Entwicklung von der Freien Stadt Danzig über den Kriegsbeginn bis zu Besatzung, Konzentrationslager und Massenmord.